Vor einigen Wochen war ich auf dem Rückweg von unserem Strategietag auf den letzten Drücker einkaufen. Letzter Drücker heißt 20:30. Unser Supermarkt ist bis 21:00 Uhr geöffnet.

Der Inhaber des Marktes ist, egal zu welcher Uhrzeit, immer vor Ort. Er schmeißt den Laden seit 30 Jahren mit Begeisterung. Vor drei Jahren hat er nach seinen eigenen Vorstellungen einen komplett neuen Markt gebaut. Alles sehr geräumig und einladend. Er hat immer ein nettes Wort für jeden Kunden, während er hier und da Waren in seinem supergeordneten Markt zurechtrückt und immer gut gelaunt Fragen von Kunden beantwortet.

An der Kasse kamen wir kurz ins Gespräch. Er hat wohl mitbekommen, dass wir irgendetwas mit Mitarbeitergewinnung machen, und er sprach mich an, dass es extrem schwierig für ihn sei Mitarbeiter zu finden. Aber das Problem sei bei ihm nicht zu lösen, er meinte: „Es will doch keiner mehr samstags bis 21:00 Uhr arbeiten“. Ich erwiderte, dass er aber doch scheinbar eine gute Truppe habe. Denn die bestehenden Mitarbeiter seien immer hilfsbereit und zu Späßen aufgelegt. Ein Besuch in seinem Markt „fühle“ sich viel besser an als in den umliegenden Märkten. Ja, das stimmt meinte er. Er habe sehr viele gute Mitarbeiter, die schon lange Jahre bei ihm tätig sind. Als er das berichtete, hob sich seine Stimmung direkt.

Er berichtete von einer Frau, die vor etlichen Jahren als alleinerziehende Mutter ohne Ausbildung bei ihm begonnen hatte und mittlerweile seine rechte Hand sei. Und von einem Mann, dessen Frau auch im Einzelhandel in einem anderen Markt tätig ist. Er tauscht sich mit dem Arbeitgeber der Frau aus, damit die Schichtpläne der beiden nicht kollidieren, da sie schulpflichtige Kinder haben. Und außerdem wäre es für ihn selbstverständlich, dass, sollte ein Kind krank sein, der Mitarbeiter frei machen kann. Er habe schon immer organisiert bekommen, wenn jemand als Vertretung einspringt.

Unkultur der Problemzentrierung

Dieser Dialog, der genauso am 18.06.2021 um 20:58 Uhr mitten in Hessen stattgefunden hat, begegnet mir oft, wenn uns Kunden ihr Leid klagen. Die Personalverantwortlichen oder Geschäftsführer kennen ganz genau den Grund, warum sie keine Mitarbeiter finden können. Sie haben den Grund identifiziert und festgestellt, dass es dafür keine Lösung gibt.

Am Beispiel hier: Wir finden keine Mitarbeiter, weil wir lange Öffnungszeiten haben. Kann man nichts machen! Ist halt Schicksal. Ich nenne das die Unkultur der Problemzentrierung. Passiert im Recruiting und ganz oft auch im richtigen Leben.

Ich habe den Supermarktinhaber gefragt, ob die Öffnungszeiten bei den anderen Märkten denn auch so lange sind. Seine Antwort: „Ja, klar. Im direkten Umkreis sogar bis 22 Uhr und stell dir mal vor, in Frankfurt (30 km entfernt) sogar bis 24:00 Uhr. Und überhaupt, wie da mit den Leuten umgegangen wird. Da kommt irgendeine Order aus der Konzernzentrale und die müssen springen. Da hat der angestellte Marktleiter wenig zu sagen. Das ist bei mir hier anders. Hier bin ich der Inhaber und mir ist es wichtig, dass wir für alle Herausforderungen Lösungen finden, die uns als Markt und Team weiterbringen.“

Energy flows where attention goes

Vor ein paar Jahren habe ich an einem Fahrsicherheitstraining teilgenommen. Der Trainer führte uns folgende Situation vor Augen: Die Straße ist vereist. Ihr rutscht scheinbar unaufhaltsam auf einen Baum zu. Das wichtigste, was Ihr jetzt tun müsst, ist nicht den Baum anzustarren. Richtet Euren Fokus auf das freie Feld daneben. Blick weg vom Hindernis. Energy flows where attention goes. Die Energie fließt dahin, wo Dein Fokus ist.
Was können wir daraus für Recruiting lernen?

Nehmen wir das Beispiel unseres Lebensmitteleinzelhändlers. Sein Blick war zunächst nur auf die langen Arbeitszeiten gerichtet. Mal abgesehen von den langen Arbeitszeiten, fielen ihm aber auf Nachfragen, die seinen Fokus veränderten, viele Punkte ein, die er für seine Mitarbeiter besser lösen kann als seine Mitbewerber.

  • Inhabergeführtes Unternehmen, er entscheidet, nicht die Konzernzentrale, die den einzelnen Mitarbeiter nicht kennt.
  • Er nimmt Rücksicht auf die Lebenssituation seiner Mitarbeiter, er kennt jedes Teammitglied und deren familiäre Situation
  • Er gibt Menschen ohne Ausbildung oder aus anderen Berufen eine Chance bei ihm voranzukommen und Verantwortung zu übernehmen
  • Die langen Öffnungszeiten bieten auch die Möglichkeit flexible und familienfreundliche Arbeitszeiten zu gestalten.
  • Sein Markt wurde erst vor drei Jahren nach seinen Entwürfen fertiggestellt. Die einzelnen Bereiche im Markt, aber auch das Lager ist so gebaut und organisiert, dass die Arbeit leichter fällt und die Wege kürzer sind.

Tu Gutes und rede darüber

Die eigenen Stärken sind für uns so selbstverständlich, dass sie uns nicht erwähnenswert erscheinen. Aber genau hier liegt enorm viel Potential. Kommuniziere in deinen Stellenanzeigen das, was du besser als die anderen Arbeitgeber kannst. Und setze nichts als selbstverständlich voraus.

H2H Business

Viele Arbeitnehmer wissen vielleicht nicht, dass es für Mitarbeiter einen großen Unterschied zwischen vom Konzern gesteuerten Discountern und Lebensmittelmärkten macht, die zwar im Namen einer großen Kette auftreten, aber trotzdem ein individueller und inhabergeführter Familienbetrieb sind. Rewe hat das sehr gut erkannt. Die Franchise Märkte, die von selbstständigen Inhabern geführt werden, tragen seit einiger Zeit jetzt neben dem Markennamen Rewe, riesengroß den Namen des Inhabers über der Tür.
Wir sind alle im H2H Business. Im Business von Human to Human, von Mensch zu Mensch. Geschäfte werden zwischen Menschen gemacht. Egal, ob es Kaufverträge oder Arbeitsverträge sind.

Es gibt Schmerzen und es gibt Pflaster.

Wenn Du Mitarbeiter suchst und es in diesem Bereich generell Beschäftigte gibt, besteht eine realistische Chance, dass Du durch deine Vorteile diese Mitarbeiter, die jetzt noch bei den Mitbewerbern beschäftigt sind, auf die gute Seite der Macht ziehen kannst. Eine Umfrage aus 2020 von Xing ergab, dass knapp jeder Zweite offen für einen Jobwechsel ist.

Denke bei allen Ausschreibungen daran, die Beschäftigten, die innerlich gekündigt haben, anzusprechen. Der Zugriff auf die Stellenanzeigen ist montags am höchsten, wenn der Frust am größten ist. In allen Berufen und Branchen gibt es Schmerzen, die in allen Betrieben gleich sind. Du kannst mit deinen Vorteilen Pflaster verteilen, für die ein Jobwechsel Sinn macht.

Es gibt Pflaster, die sich auf den Job beziehen und es gibt Pflaster, die du direkt im Recruiting Prozess verteilen kannst, um zu punkten. Darum geht es im nächsten Newsletter. Bleib dran!

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